Es ist kompliziert...
#1
Shy 
Tja, wo soll ich anfangen?

Ich muss wohl ein wenig ausholen, um meine augenblickliche Situation zu schildern. Habt also Verständnis dafür, wenn es ein bisschen länger wird...

Ich bin 50 Jahre alt und seit einem halben Jahr mit meinem Freund zusammen, der unter A&P leidet. Wie sehr, stellt sich für mich allerdings erst jetzt langsam heraus.

Wir haben uns kennengelernt in einer Situation, die er scheinbar gut im Griff hatte - wie ich heute sicher weiß, sah es allerdings nur so aus. Er hatte sich diesen einen Termin pro Woche vorgenommen und allen den lustigen, selbstbewussten, kontaktfreudigen Menschen vorgespielt. Ich bin nun allerdings durch eine Beraterinnenausbildung "vorgeschädigt" und habe ihm das nicht eine Minute abgenommen. Wir haben uns immer öfter gut unterhalten und im Laufe von zwei Jahren immer weiter angenähert, auch mal außerhalb dieses Kreises getroffen und uns schließlich verliebt. Soweit, so schön...  Smile

Mein Freund hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er unter A&P leidet. Da ich - rein kognitiv - weiß, dass es Wege da raus gibt, hat mich das nicht unbedingt erschreckt. Er befindet sich auch in ambulanter Therapie seit ein paar Jahren, Klinikaufenthalte kommen allerdings nicht in Frage für ihn. 

Nach den ersten zwei, drei Monaten miteinander habe ich natürlich mehr von seinem Hintergrund mitbekommen. Was die ungefähren Auslöser waren, sofern er sie benennen kann zum Beispiel. Aber auch, dass diese scheinbare Leichtigkeit ihn jedesmal unendlich Kraft gekostet hat und er dann ein, zwei Tage gebraucht hat, sich von diesem wöchentlichen Termin zu erholen.

Ich war glücklich über seine Offenheit - nicht selbstverständlich in seiner Situation. Habe versucht, ihm zu signalisieren, dass es in Ordnung so ist, ich ihn so liebe, wie er nun mal ist. Wir haben uns gegenseitig einfach nur gut getan!

Hhm, ich weiß eigentlich gar nicht genau, wann das gekippt ist. Irgendwann wurde ihm dann alles zuviel, zu intensiv, wie er sagt. Dabei spielen auch Faktoren eine Rolle, die außerhalb unseres Einflussbereiches lagen - eine längst fällige Renovierung seiner Wohnung (seinem "sicheren Hafen"), die sich deutlich länger hinzog als geplant und ihn sehr belastet hat. Zeitgleich bei mir vermehrter Stress wegen einer anstehenden Prüfung, den er dann auch mitbekam.

Nun bin ich ein Mensch, der gerne verstehen möchte, warum etwas so ist und gegebenenfalls, ob sich etwas ändern lässt. Dazu sehr kommunikativ. So ticke ich eben. Ich habe also versucht, zu hinterfragen, wo er denn Auslöser sieht für seinen von mir bemerkten allmählichen emotionalen Rückzug. "Er hasse es, hinterfragt zu werden. Sein Psychologe bohre schon genug. Ich könne ihm nicht helfen und überhaupt - er weiß selbst keine Antworten und ich setze ihn unter Druck."

Autsch - das saß! Auch wenn ich das sicher nicht beabsichtigt habe, hat ich ihn trotzdem unter Druck gebracht. So, dass er sich jetzt erst einmal in seiner Wohnung vergräbt und das mit sich allein abmachen will, was ihn beschäftigt. Dann kommt er wieder auf mich zu.

Jetzt kommt meine eigene Geschichte ins Spiel:
Ich habe selbst einige Therapien durchgestanden, wegen einer massiven Essstörung, aber auch einer gewissen Co-Abhängigkeit von meinem ehemaligen Mann. Seit einigen Jahren habe ich das für mich soweit im Griff, dass ich sagen kann - oder besser konnte?! - ich habe das wieder im Griff und bin stabil. Aus der Co-Abhängigkeit habe ich mich durch eine rigorose Trennung befreit, verbunden mit einer Neuausrichtung im beruflichen Sektor. Ich bin stolz auf das, was ich dadurch an Veränderung erlebt habe. Z.B. den Rückgang der Symptomatik, was die Essstörung angeht. 
Was ich damit eigentlich sagen möchte: Ich weiß, dass es sich lohnt zu kämpfen, aber auch, dass es nicht in jeder Situation des Leidensweges geht, wenn man betroffen ist. Mir ist bewusst, dass es sich vermutlich für den einen oder anderen hier nach einem klassischen "Helferkomplex" anhören mag - aber nein, das ist es nicht. Soweit habe ich mich reflektiert. Es dreht sich mir um das gemeinsame Aushalten der Situation, darum, den Kontakt zu ihm nicht zu verlieren. Und die Situation für ihn nicht noch schlimmer zu machen.

Im Moment spüre ich allerdings auch sehr deutlich meine Grenzen, wie meine besiegt geglaubten "alten Muster" auf einmal wieder an Macht gewinnen. Tatenlos daneben stehen und zusehen kann ich aber auch nicht. 

Habt Ihr eine Idee oder Tipps, wie ich einerseits mich selbst schützen kann, andererseits aber ihm signalisieren, dass ich für ihn da sein möchte? Bin da trotz jeder Menge Wissen und einiger persönlicher Erfahrung im Moment einfach ratlos...

Fragende Grüße in die Runde

Kratz

SH-50
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#2
Nochmal hallo von mir  Smile
das ist natürlich ne schwierige Situation. Ich würde da an deiner Stelle, schon an dich denken. Um dich selbst auch zu schützen. Damit du nicht über deine Grenzen gehst. 
Du hast ihm ja signalisiert das du für ihn da bist und ihn helfen würdest. Dazu muss er die Hilfe aber annehmen. Und dazu scheint er zur Zeit wohl nicht in der Lage. Ich kann ihn da schon verstehen , eine Therapie ist anstrengend, da wird ins Innere gebohrt. Ich war dann dankbar wenn ich mit meinem Mann, oder Freunde darüber reden konnte. Aber ich weiß auch das viele hier, sich zurück gezogen haben. Um das vielleicht zu verarbeiten. 
Mit seinem Sicheren Ort, seinem zu Hause, ist es bei mir auch so. Das ist auch für mich der Sichere Ort. Obwohl es auch wieder rum Quatsch ist, denn auch hier hab ich mal Attacken , kann aber wesentlich besser damit umgehen wie "draußen".
Vielleicht einigt ihr euch einfach erst mal darauf, wenn ihr euch trefft, das Thema außen vor zu lassen , bis er bereit dazu ist, mit dir darüber zu reden.
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